Die gefährlichste Weltanschauung

„Die gefährlichste aller Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben“

Selten kam ich so spät nach Hause. Die Sonne schien nur  noch mir zuliebe . Als meine Augen die Müdigkeit bekämpften, verlangte mein Körper einen starken Kafee und mein Geist ein wenig Ruhe. Als ich einsam die bellenden Hunde im Hintergrund hörte, hob ich meinen Blick und schaute aus dem Fenster auf die leicht belebte Straβe. Die Häuschen sonnten sich in dem goldenen Licht und die Leute gingen herum. Alles war schön und still. Diese Aussicht hat mich beruhigt. Ich machte zufrieden die Augen zu und dachte mir: „Das ist mein Zuhause. So etwas gibt es nirgendwo auf der ganzen Welt.“

”Nirgenwo … Nicht auf den summenden Straβen in Amerika, oder  auch in den Alpen in Deutschland … Mein Zuhause ist das einzige Zuhause der Welt … Aber Moment!“ Meine innere Stimme, die mir immer  widerspricht, hatte den  Lauf meiner Gedanken unterbrochen. Sie stellte mir eine ganz einfache Frage „Aber hast du wirklich die Welt gesehen?“

Nun versank ich wieder in meinen Gedanken. Unendlich viele Fragen kamen mir  in den Sinn…Was ist eine Weltanschauung? Kann man wirklich in einem Leben die ganze Welt sehen?

Ich raufte mir die Haare, als dieser Gedanke mich in meine Kindheit brachte. Als ich elf Jahre alt war, wohnten wir kurz in einem kleinen Dorf, in dem Strom und Wasser eine Seltenheit waren. Die unschuldigen Einwohner dieses Dorfes waren höchst zufrieden mit ihren hübschen Bergen und ihrem einzigen fast trockenen Fluβ.  Eines Tages kam eine komisch bekleidete Greisin zu mir und sagte,

 „Du Mädchen! Hast du echt das Meer gesehen?“ 

„Ja“ sagte ich verwirrt.

„Sag mal, wie groβ ist es wirklich?“ fragte sie mit begierigen Augen.

„So groβ, dass man den anderen Rand nicht sehen kann! “ antwortete ich.

„Behauptest du, dass das Meer gröβer als unser Fluss ist? Das ist ja unmöglich!“ protestierte sie.

Sie war sich sicher, dass ihr Fluβ der gröβte der Welt war. Trotz meiner  wiederholten Versuche, konnte ich sie nicht vom Gegenteil überzeugen.

Das zeigt uns, wie eingenommen die Leute von ihrer begrenzten Welt sind. Da sie eine unvollständige Weltanschauung haben, glauben sie, dass, was ihnen gehört am besten ist. „Mein Land, meine Kultur, meine Sprache sind am besten“… So lautet ihr Motto. Die Leute, die mit Scheuklappen die Welt betrachten, und dadurch einen Tunnelblick haben, sind nicht bereit zu akzeptieren, dass andere Menschen andere Denkweisen haben. Und genau das ist gefährlich.

Normalerweise baut man seine Ahnungen und Meinungen auf das Gehörte und das Gelesene. Häufig ist zu sehen, wie durch die unvollkommenen Darstellungen der Medien ein falscher Eindruck von einem Land vermittelt wird. Durch Medien wie Bücher, Zeitungen und Internet entwickeln sich manchmal Vorurteile und Steroetypen, die ein verzerrtes Weltbild liefern.

Dasselbe ist mit mir passiert. Ich hatte neulich das Buch “The Kite Runner” von Khaled Hosseini gelesen.  Danach hatte ich den Eindruck, dass  ganz Afganistan  durch den Terrorismus zerstört worden ist. Im College traf ich aber  einen netten Klassenkameraden aus Afganistan. Als er mir über sein Land erzählte, hat sich meine Meinung über das Land geändert.  Dabei betonte er  ausdrücklich die Tatsache, dass auch in seinem Land die Leute ein normales Leben führen. Was in Zeitungen berichtet wurde, ist zwar  wahr, aber gilt nur für bestimmte Teile des Landes.

Genau so ist die Halbwahrheit gefährlich.  Ich möchte mir nicht vorstellen,  was passieren würde, wenn in einem streng religiösen Land ein falscher Eindruck über das Nachbarland vermittelt wird. Es könnte sein, dass die ungebildeten gewaltbereiten Bürger dieses Landes davon überzeugt werden,  dass das Nachbarland sie angreifen will,  auch wenn es gar nicht stimmt.  Hier steht das Leben von Unschuldigen auf dem Spiel. 

Aus diesem Grund ist es nötig, dass man viel reist und alles selber erfährt. Sehr oft reist man, um den sogenannten Horizont zu erweitern. Aber immer wenn man Pauschalreisen macht und in Fünf-Sterne-Hotels wohnt, ohne einmal die Kultur des  Gastlandes zu erfahren, ist es keine richtige Horizonterweiterung.  Es reicht nicht, die Grenzen eines Landes zu übertreten, man muss auch die Grenzen des Geistes sprengen. Wer bereit ist, mit einem Rucksack durch das Land zu reisen und trotz der Sprachbarriere in Kontakt mit den Einheimischen zu kommen, wird aufgeschlossener und vor allem toleranter sein.

Nach diesem Gedankengang, war mir eine Sache ganz klar; Ich habe die Welt noch nicht gesehen. Ich machte meine Augen auf und sah, dass der Sonnenuntergang schon vorbei war.  Als ich in der Dunkelheit alleine vor dem Fenster saβ, wusste ich, dass die Welt riesig ist und ich klein. Ich erkannte, dass die Welt von mir entdeckt werden wollte. Ich machte das Fenster zu und die Türen meines Verstandes auf. Jetzt sind meine Augen das Fenster auf die Welt. Wer  weiβ? Vielleicht gibt es irgendwo in einer kleinen Ecke der Welt mein Zweites Zuhause!

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